hast du dich schon einmal gefragt, woher eigentlich die Angst kommt?

Angst vor einem Menschen.
Angst vor einer Situation.
Angst davor, etwas zu verlieren.
Angst, angegriffen, verletzt oder abgelehnt zu werden.

Wenn wir ganz genau hinschauen, steckt hinter sehr vielen unserer Ängste eine gemeinsame Vorstellung:

Ich bin getrennt.

Ich bin hier – und da ist etwas anderes.
Ich bin ich – und du bist du.
Hier bin ich sicher – dort könnte eine Gefahr sein.

Unsere Sinne bestätigen uns diese Vorstellung jeden Augenblick.

Wir sehen einen Tisch.
Wir sehen unseren Körper.
Wir sehen einen anderen Menschen.
Wir sehen eine Tür, einen Baum, ein Haus.

Alles scheint voneinander getrennt zu sein.

Doch ist das tatsächlich die ganze Wahrheit?

Unser Gehirn erzeugt eine Welt der Unterschiede

Unser Gehirn ist darauf spezialisiert, Unterschiede wahrzunehmen, Dinge zu unterscheiden, zu benennen und einzuordnen.

Jill Bolte Taylor, eine Neuroanatomistin, hat dies auf sehr eindrückliche Weise selbst erfahren.

Als sie 1996 einen schweren Schlaganfall in der linken Gehirnhälfte erlitt, verlor sie zeitweise unter anderem die Fähigkeit, die Grenzen ihres Körpers klar wahrzunehmen. Sie beschrieb, dass sich ihr Körper nicht mehr eindeutig von der Umgebung abgrenzte und sie sich stattdessen als etwas Großes, Verbundenes erlebte.

Ich weiss es nicht, ob die Wissenschaft damit beweisen würde, dass es tatsächlich keine Trennung gibt.

Aber es zeigt etwas sehr Spannendes:

Unser Erleben von „Ich hier – Welt dort“ ist nicht so selbstverständlich, wie wir glauben.

Es wird von unserem Gehirn und unserer Wahrnehmung mitgestaltet.

Und vielleicht kennst du einen ähnlichen Moment aus der Meditation.

Wenn die Aufmerksamkeit immer weniger nach außen geht und sich nach innen richtet, kann plötzlich ein Gefühl von Weite entstehen.

Die Grenzen zwischen „mir“ und „der Welt“ scheinen durchlässiger zu werden.

Und manche Menschen erleben dabei etwas, das sie mit Worten wie

Einssein.
Verbundenheit.
Liebe.
Frieden.

beschreiben.

Warum ist in diesem Zustand so wenig Angst?

Vielleicht, weil die Vorstellung eines „Anderen“ für einen Moment in den Hintergrund tritt.

Wenn nichts wirklich außerhalb von mir ist –
wovor sollte ich mich dann fürchten?

Ich habe das einmal ganz unmittelbar erlebt

Es war 1995.

Ich lebte damals in München und kam nachts von einer Trancetanz-Veranstaltung nach Hause.

Der Weg führte durch einen dunklen Park.

Als ich vor dem Park stand, zögerte ich.

Es war dunkel.

Ich wusste nicht, was mich dort erwartete.

Und natürlich begann mein Kopf sofort, Möglichkeiten zu produzieren.

Was könnte dort sein?

Wer könnte mir begegnen?

Ist es gefährlich?

Soll ich wirklich durch diesen Park gehen?

Und dann geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Plötzlich war da eine ganz klare Stimme in meinem Kopf:

„Es gibt nichts in dieser Welt, wovor du Angst haben brauchst – außer deinen eigenen Gedanken.“

Dieser Satz war einfach da.

Wie ein Blitz.

Und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass er nicht nur etwas in mir beleuchtete.

Er beleuchtete meinen Weg.

Ich ging durch den dunklen Park nach Hause.

Und dieser Satz begleitete mich.

Heute verstehe ich ihn noch einmal anders.

Denn wenn ich glaube, dass ich getrennt bin, kann ich die Welt in „mich“ und „alles andere“ aufteilen.

Dann gibt es Dinge, die mir etwas antun können.

Menschen, die gegen mich sind.

Umstände, die gegen mich arbeiten.

Eine Welt, die mir etwas wegnehmen kann.

Doch was geschieht, wenn ich die Geschichte von der Trennung für einen Moment nicht glaube?

Dann verändert sich zunächst nicht unbedingt die äußere Situation.

Aber meine Beziehung zu ihr verändert sich.

Und genau hier beginnt für mich Bewusstheit.

Vielleicht liegt hinter sehr vielen unserer persönlichen Probleme tatsächlich dieselbe grundlegende Überzeugung:

„Ich bin allein.
Ich bin getrennt.
Ich muss mich schützen.
Ich muss etwas bekommen, damit es mir gut geht.“

Und vielleicht ist die tiefste Veränderung deshalb nicht, dass wir lernen, die Welt besser zu kontrollieren.

Sondern dass wir beginnen, die Vorstellung von Getrenntsein zu hinterfragen.

Eine kleine Frage für heute

Wenn du heute Angst, Ärger, Ablehnung oder Konflikt bemerkst, frage dich einmal:

„Was glaube ich gerade, das von mir getrennt ist?“

Und dann noch:

„Was wäre, wenn ich für einen Moment nicht glauben müsste, dass ich getrennt bin?“

Du musst darauf keine gedankliche Antwort finden.

Spüre einfach einmal hinein.

Vielleicht öffnet sich für einen kurzen Moment ein anderer Raum.

Ein Raum, in dem nicht mehr alles gegen dich ist.

Ein Raum, in dem du nicht kämpfen musst.

Ein Raum, in dem Frieden möglich wird.

Denn vielleicht war der Weg nach Hause nie wirklich das Problem.

Vielleicht war es der Gedanke, dass du ihn allein gehen musst.

Herzlich,
Katalin

P.S. Genau darum geht es auch im Lebens-FilmWechsel: Wir verändern nicht zuerst die Welt um uns herum. Wir schauen uns den Film an, durch den wir die Welt erleben – und entdecken, welchen Gedanken und Bedeutungen wir bisher zugestimmt haben.